Die einen reisen weit, um die Welt zu unterwerfen.
Sie hinterlassen Wunden und Zerstörungswut.
Die anderen reisen weit, nur um ihre Wurzeln zu finden.
Sie geraten in einen Strudel von Verwirrung.
Von beiden soll hier die Rede sein.
_______________________________________________
Perlhuhnkrieg
Treatment
für ein deutsch-afrikanisches Drehbuch nach historischen und
aktuellen Begebenheiten
von Andreas Kirchgäßner
1. Mark
sitzt in einem Zimmer eines kleinen Hauses am
Rande Stuttgarts. Mit größter Sorgfalt bastelt er
einen
Joint. In einer fast rituellen Prozedur entzündet er ihn. Aus
dem
Fenster quillt Rauch in den verwilderten Obstgarten vor dem Haus. Seine
Mutter Lena (eine gut erhaltene 50erin) wird vom Qualm, der unter der
Tür hindurch in ihr Zimmer quillt, zu einem Hustenanfall
gereizt.
Wütend läuft sie an Marks Tür und
rüttelt daran.
Die Tür ist verschlossen.
Mark liegt auf einer Matratze und wird von Bildern heimgesucht. Kleine
Sequenzen, Teile eines Puzzles:
2.
Hinter den Rückfenstern zieht schwankend
Landschaft vorbei. Trockenes Gebiet. Südlicher Sahel. Die
junge
Lena, eine gutaussehende Frau, auf dem Beifahrersitz, am Steuer neben
ihr John, ein adretter Mann. Es pocht von außen.
3.
Die Mutter rüttelt an der Tür,
schlägt dagegen. Sie hustet, prustet. Resigniert nimmt sie das
Funktelephon und flieht in den Garten.
Sie ruft jemanden an, fragt, ob sie zu ihm kommen dürfe.
Bedrängt ihn am Telephon. Von einem Hotel ist die Rede. Sie
sagt,
daß es dringend ist und legt auf. Dann holt sie die
Autoschlüssel und fährt ab.
4.
Mark sieht ihr nach. Er schließt die Augen:
Im Auto. Lena flirtet verhalten mit John, ist in aufgekratzter
Stimmung, eine Art zweite Jugend. Dann wieder besorgte,
schuldbewußte Blicke nach hinten auf die Rückbank.
Die
Wirkung des Charmeurs neben ihr ist stärker. Sie lacht hell.
Dann ein Schlag. Die Windschutzscheibe birst.
5. Mark
schreit auf. Er hält sich die Ohren zu.
Ein Stein knallt an das Zimmerfenster. Dann noch einer. Langsam sieht
Mark auf. Er hört Rufe. Mühsam erhebt er sich und
starrt aus
dem Fenster. Seine Freundin Maike steht draußen. Sie gibt ihm
Zeichen, daß er ihr aufmachen soll.Maike reißt die
Fenster
auf. Draußen scheint die Sonne. Ein Vogel singt in den
Zweigen
des Baumes vor dem Haus. Mark berichtet abschätzig von Lenas
Flucht aus dem Haus. Maike, bereits mit der Herstellung des
nächsten Joints beschäftigt, sieht ihn ob dieser
Nachricht
hocherfreut an. Genüßlich inhalieren sie den Qualm.
Er
quillt aus dem Fenster.
6.
Der gealterte John empfängt Lena in der Vorhalle
eines Hotels. Er schielt nach links und rechts, ob niemand ihn sieht.
Dann macht er ihr schwere Vorwürfe: Ob sie den Verstand
verloren
habe, hier, an diesem Ort zu ihm zu kommen, wo seine Frau oben auf dem
Zimmer ... Sie fällt ihm hemmungslos um den Hals, schluchzt.
Er
versucht sie abzuschütteln, zieht sie dann nach
draußen und
steigt in ein Taxi.
7.
Maike schiebt das Bett unters Fenster und legt sich
darauf. Sie sieht dem Vogel im Baum zu. Das Lichtviereck trifft auf
ihren Körper. Träge beginnt sie, sich zu
entblößen. Immer wieder ein Blick zu Mark, der sie
kaum
wahrnimmt. Sie zieht ihn zu sich aufs Bett. Mark schließt die
Augen. Da sind wieder die Bilder:
8.
Aufgebrachte Schwarze rennen auf den Wagen zu. Sie
heben vom Boden ein Amulett auf, ein Säckchen an einem
Lederriemen, und schwenken es theatralisch vor der Windschutzscheibe.
Lena schmiegt sich an John, wie Maike sich an Mark schmiegt. John
verriegelt von innen die Türen. Gesichter werden an den
Seitenfenstern plattgedrückt. Der Wagen schaukelt, droht zu
kentern. John gerät in Panik, fährt an. Vor ihm
duzende
Schwarze, die er einklemmt. Er läßt den Motor
aufheulen.
9. Mark
kann nicht. Er springt auf. Maike kleidet sich beleidigt wieder an.
10.
John erklärt Lena in einem Restaurant, daß
selbst er das Geschehene nicht ungeschehen machen könne. Die
Dinge
sind, wie sie sind. Für ihn - entgegnet Lena - seien sie ja
immer
noch sehr gut. Für sie hingegen sei es die Hölle. Der
Junge,
Abbild seines Vaters. Und wie er zu Grunde ginge.
11.
Arbeitsamt Stuttgart. Mark zieht seine Nummer. Er
sitzt, döst, wirkt auch hier bekifft. Immer wieder fallen ihm
die
Augen zu. Wenn er sie, vom Klingelzeichen der Nummernanzeige geweckt,
wieder aufschlägt, sitzen neue Leute um ihn. Mal ist es ein
Bautrupp. Dann eine Kolonne Putzfrauen. Akademiker. Prostituierte.
Natürlich verpaßt er seine eigene Nummer,
muß die
Arbeitsvermittlerin darum bitten, doch noch vorgelassen zu werden. Sie
läßt ihn wieder warten. Ihm gegenüber hat
ein
älterer Afrikaner Platz genommen. Er sieht ihn unentwegt an.
Mark
wird unruhig. Der Mann hat einen ungeheuer starken Blick. Als Mark
wieder die Augen zufallen, sieht er ihn:
12.
Der Mann steht vor dem Wagen. Moussa. Die Leute
draußen weichen zurück. Sie geben ihm das Amulett.
Mit der
Macht seines Blickes befielt er Mark, die Hintertür zu
entriegeln.
Er öffnet die Tür, reicht Mark die Hand und hilft ihm
aus dem
Wagen. Dann wirft er das Amulett in den Wagen. John fährt
panisch
an. In ruhigen Schritten entfernt Moussa sich mit Mark an der Hand,
während der Wagen mit offener Tür davonbraust.
13.
Die Arbeitsvermittlerin redet Mark ins Gewissen:
Schule abgebrochen, Lehre geschmissen, dauerarbeitslos. Ob er
Bewerbungsnachweise bei sich habe. Mark behauptet, im Warteraum habe
man sie ihm gestohlen ...
14.
Beim Verlassen des Arbeitsamtes sieht Mark nach
Moussa. Er sitzt nicht mehr an seinem Platz. Mark versucht, seine
Alpträume abzuschütteln. Er geht hinaus an die Luft.
Da steht
Moussa und fordert ihn auf, zu seinem Vater Paul nach Adibo zu kommen.
Er werde gebraucht. Mark will die "Verwechslung" richtigstellen. Aber
bevor er sich versieht, ist Moussa verschwunden. In Marks Ohren klingt
der Name nach:
Paul,
Adibo ...
15.
Mark wälzt sich im Bett. Der Name "Adibo"
widerstrebt ihm und verfolgt ihn. Er springt vom lieblosen
Frühstück (Nahrungsmittel in ihrer aufgerissenen
Verpackung
auf dem Tisch) auf. Er stürzt entschlossen aus der
Küche.
16.
Mark durchsucht aufgeregt Lenas Zimmer. Ihr Bett ist
leer und zerwühlt. Im Raum stehen afrikanische Figuren, von
kleinen bis zu metergroßen. Er findet eine Schachtel mit
alten
Photos. Er sucht nach dem Photo seines Vaters. Überall aber,
wo
sein Vater zu sehen sein müßte, sind die Photos
abgerissen.
Er wirft alles achtlos auf den Boden. Er durchsucht das
Bücherregal, läßt es umstürzen.
Sein Blick
fällt auf eine Figur: Die geschnitzte, etwa ein Meter
große
Abbildung eines weißen Kolonialbeamten. Mark
durchwühlt
weiter das Zimmer. Vergeblich. Aber die Figur! Er geht auf sie zu, will
sie umstoßen. Da hört er Lena kommen. Er verbirgt
sich
hinter dem Vorhang.Lena ist schockiert von der Verwüstung. Sie
stürzt zu der Figur, zieht aus ihrem Bauch eine Schublade, der
sie
das Amulett und ein Photo von sich und John - damals in Afrika -
entnimmt. Sie ist sichtlich beruhigt, greift zum Telephon:
"Hör
zu, John. Er hat mein Zimmer durchwühlt. Aber er hat Es nicht
gefunden. Was machen wir bloß mit ihm?"
17.
Mark in einer afrikanische Bar in Stuttgart. Er
spricht mit ein paar Afrikanern. Man macht ihn dort mit deutschen
Autoschiebern bekannt. Da die Autoschieber einen Fahrer brauchen,
verhelfen sie ihm zu den Papieren.
18.
Mark mit den Autoschiebern in der Sahara. "Banditen",
die ihre Devisendeklaration in den Händen halten, erleichtern
sie
um ihr Bahren und nehmen ihnen die Autos ab. Die Autoschieber fahren
mit einem entgegenkommenden Fahrzeug zurück. Mark weigert
sich,
mit ihnen zu kommen. Er schlägt sich alleine und zu
Fuß
durch den Sand.
19.
Lena sitzt mit John in einem Café. Lena
berichtet ihm, daß Mark weg ist. Um so besser, wirft er ein.
Es
ist auch weg, erklärt sie. Mark habe das Photo und das Amulett.
20.
Eine Tuareg-Karavane liest ihn halbverdurstet auf und bringt ihn nach
Arlit im Niger.
21.
Die deutsche Botschaft stattet ihn mit Geld für
die Rückreise aus. Aber er verwendet es, um mit dem Buschtaxi
nach
Tamale zu fahren. Unterwegs trinkt er das trübe Wasser. Er
ißt die undefinierbarsten Pasten und Soßen. Es geht
ihm
elend. Durchfall, Fieber. Ghanaer bieten ihm Cannabis an. Er - der
sonst keinen Joint passieren ließ - lehnt ab. Etwas hat ihn
gepackt.
22.
Kurz vor Tamale wird das Buschtaxi von einer
bewaffneten Jugendbande gestoppt. "Konkombas!" rufen die Insassen. Ein
paar springen aus dem Wagen und stürzen in den Busch. Die
Bewaffneten nehmen die Verfolgung auf. Man hört
Schüsse aus
der Savanne. Die übrigen Insassen müssen aussteigen
und sich
in einer Reihe aufstellen. Die Stammesnarben jedes Einzelnen werden
kontrolliert, die ethnische Zugehörigkeit erfragt. Als sie
Mark
kontrolliert haben, nehmen sie auch noch das Gepäck
auseinander:
Wegen der Anwesenheit eines Weißen vermuten sie eine
Waffenlieferung an die Dagombas. Sie finden bei Mark das Photo von Lena
und John und Pfeifen durch die Zähne. Mark entreißt
es ihnen
unwirsch. Dann werden sie auf das Amulett um seinen Hals aufmerksam.
Sie nehmen es ihm ab und sehen in den Lederbeutel. Ein Grinsen tritt
auf ihre Gesichter, als sie den Beutel unter sich herumreichen: Eine
Kugel aus Adibo! Erinnerung an den Tod der Dagomba! Ohne weitere
Probleme kann der Wagen passieren.
23.
Tamale ist in Aufruhr. In den Gesichtern der Passanten
spiegelt sich Unruhe. An den Straßenrändern
vegetieren
Menschen. Viele sind verwundet. Dunkle Gestalten verfolgen ihn. Mark
rennt. Aber wohin? Überall recken sich ihm bettelnde
Hände
entgegen. Die Frage nach einer Busverbindung nach Osten löst
Gelächter aus. Immerhin bringt man ihn zu einem flachen
Gebäude, das schwer bewacht wird. People's Heritage
Party steht an der Tür. CNN nennen
die Leute aber das Haus. Ein moslemisch gekleideter Mann tritt heraus.
Auf Marks Frage, wie man nach Osten komme, antwortet er, daß
Konkombas diese Gegend belagern. Er müsse warten, bis sie, die
Dagombas, den Osten "befreit" haben.
24. Auf
dem Markt wird er Zeuge, wie neben ihm Afrikaner
um ein Perlhuhn heftig feilschen. Plötzlich schreit der
Käufer: "Konkomba!" Der Händler versucht zu fliehen.
Aber von
allen Seiten geht man auf ihn zu. Während sein Stand
geplündert wird, bildet sich ein undurchdringlicher Kreis um
ihn.
Macheten blitzen über den Köpfen. Zurück
bleibt der tote
Händler: zerstückelt. Man läßt ihn
liegen.
25.
Mark flieht entsetzt in die Bar mit den sauberen
Un-Fahrzeugen und den bewaffneten Wächtern davor. Hier ist
seine
Hautfarbe die Eintrittskarte. Drinnen fragt ihn eine kichernde
Prostituierte mangels anderer Kundschaft, wo denn sein Vater sei. Das
wüßte er auch gerne ...
26.
Seine Fragen nach seinem Vater Paul wecken die Neugier
eines Mannes namens Peter. Er ist ein alter, müder
Entwicklungshelfer. An die Entwicklung Afrikas glaubt er nicht mehr.
Aber ein Helfer ist er auf jeden Fall. Er bietet Mark ein Zimmer mit
einem ordentlichen Bett in seinem geräumigen Bungalow an.
Speise
und Trank nach Herzenslust. Tabletten gegen die Amöben. Mark
wird
Zeuge der zahlreichen ein- und ausgehenden Afrikanerinnen. Nicht selten
muß er laute Streits zwischen Peter und den Frauen um die
Frage
der Bezahlung anhören.
27.
Wovon Mark nichts weiß, ist die heimliche
Durchsuchung seines Gepäcks. Peter findet das Photo von Lena
und
John. Er hatte sich so etwas gedacht. Umgehend telephoniert er nach
Deutschland und warnt seinen Vorgesetzten John. John fordert ihn auf,
Marks Weiterreise zu verhindern.
28.
Von Peter erfährt Mark den Grund für die
Unruhe auf den Straßen: Stammeskrieg. Östlich von
Yendi sind
Dörfer der Dagombas angegriffen und systematisch
zerstört
worden. Es gibt zahlreiche Tote und das Morden geht weiter.
Täglich erreichen neue Flüchtlingsströme
Tamale. Die
Menschen berichten von Blutbädern und Greueltaten. Und
östlich von Yendi, im Kriegsgebiet, liegt auch Adibo. Ein
kleiner
Punkt auf Marks Landkarte. Niemand wagt sich zur Zeit in dieses Gebiet.
Selbst die Armee läßt auf sich warten.Peter aber
beruhigt
Mark: Sollte sich tatsächlich ein Weißer in dieser
Gegend
aufgehalten haben, so wird er einer der ersten sein, der sich nach
Tamale abgesetzt hat.
29.
Die beiden durchstreifen Tamales weiße Gemeinde
auf der Suche nach Paul. Peter spricht mit Franzosen, Deutschen,
Amerikanern. Niemand aber weiß von einem Deutschen namens
Paul,
der von Osten nach Tamale kam. Auch in den besseren Hotels für
Weiße wohnt kein Paul. An den Swimming-pools tummeln sich
dickwanstige Weiße mit schwarzen Badenixen. Aber keiner
heißt Paul.
30.
Peter rät Mark, sich noch ein paar schöne
Tage in Tamale zu machen und dann wieder nach Hause zu fahren. Er
bringt von der "Arbeit" eine Afrikanerin mit. Zunächst lehnt
Mark
ab, sich mit ihr "zurückzuziehen". Als er aber merkt,
daß
sie gebildet ist, entscheidet er sich anders. In seinem Zimmer
verhindert er, daß sie sich entkleidet. Er fragt sie nach
ihrer
Stammeszugehörigkeit. Entsetzt stottert das Mädchen:
"Sisaala, aus dem Norden, weit weg!" Mark befragt sie nach dem Grund
für diesen Krieg. Sie berichtet davon, daß die
Konkomba
zugewandert seien und nun die gleichen Rechte, wie die anderen Etnien
einforderten. Und militärisch sind sie gut vorbereitet. "Wann
sind
sie hier her gekommen?" Vor ca. 400 Jahren! "400 Jahre, das ist lange
her!" gibt Mark zu bedenken. "Nicht für uns!" erklärt
sie.
"Die Ahnen sind lebendig. Die Vergangenheit ist stets anwesend. Aber
schon die Briten haben den Konkombas kein Landrecht und keine
politische Vertretung zugestanden. Weil die Konkomba nur einen
Fetisch-Priester, und keinen König hatten ..."
31. Peter
versorgt Mark mit dem nötigen Geld für
die Rückreise und bringt ihn zum Bus nach Accra. Der perfekte
Gastgeber.
32.
Zurück Zuhause telephoniert Peter erleichtert mit
John in Deutschland. Alles wieder im Lot. Der Junge sei auf dem
Heimweg. Das Dorf sicherlich zerstört. Und von Paul fehle jede
Spur. Besser hätte es für John nun wirklich nicht
laufen
können.
33.
John mit Lena in einem Hotelzimmer. Er erklärt
ihr, daß er nun alles im Griff hat. Paul ist im Kriegsgebiet
verschollen. Mark ist auf der Rückreise, ohne ihnen auf die
Spur
gekommen zu sein. Wenn er wieder zurück sei, muß
John sich
nicht mehr verstecken. Er werde Mark eine Wohnung mieten.
34.
Als der Bus bereits den Bahnhof verlassen hat,
läßt Mark ihn anhalten und steigt aus. Er sucht ein
Taxi
Richtung Yendi. Niemand fährt dort hin. Er bietet viel Geld.
Alle
weigern sich.
Schließlich treibt er einen LKW auf, der in der Nacht Yams in
die
Krisengegend fahren wird. Nahrungsmittel erzielen im Kriegsgebiet beste
Preise. Mark fährt auf der Pritsche mit. Unerkannt kann er
einer
Patrouille von selbsternannten Milizen - Kinder mit Handfeuerwaffen -
entgehen. "Dagombas!", wie Mark vom Fahrer erfährt. Sie werden
ihre Schmach rächen und die Konkombas vertilgen. Der Fahrer
selbst
ist Dagomba.
35.
In Yendi machen sie Station. Der Ort voller
Flüchtlinge. Die Nachricht von der Ankunft eines
Weißen
verbreitet sich in Windeseile. Weiße gibt es hier seit
Ausbruch
des Krieges nicht mehr. Mark wird argwöhnisch beäugt.
Mehrfach durchsucht man ihn, stößt ihn grob herum.
Nur die
Versicherung des LKW-Fahrers, Mark habe keine Waffen, die er in den
Busch zu den Konkombas schmuggeln könnte, verhindert einen
Übergriff.
36.
Mark stößt auf einen verwitterten Friedhof.
Deutsche Inschriften auf den umgestürzten Grabsteinen
verweisen
auf den Dezember des Jahres 1896. Dort liegt Hauptmann von
Massow.
Bei der Erforschung des Nordens für das Deutsche Reich im
Kampf
gegen die Aufständischen gefallen.
37.
Plötzlich ergreifen ein paar Kinder Marks
Hände und bringen ihn in eine Lehmhütte. Am Boden
hockt in
Mitten einer großen Zahl von Flüchtlingen Abi, eine
junge
Afrikanerin, die sich als Moussas Urenkelin ausgibt. Sie spricht
deutsch und teilt Mark mit, daß sie sofort aufbrechen
müssen. Mark gafft sie mit offenem Mund an. Er
schließt die
Augen.
38.
Mark steht in einem Kreis von schwarzen Kindern.
Sie klatschen rhythmisch und singen ein Lied. Vor ihm steht Abi, damals
ein Kind. Sie lacht ihm zu und gibt ihm einen Stups. Mark
fällt
rückwärts in die Arme der Kinder, die ihn wieder in
die Arme
anderer Kinder werfen. Marks anfänglicher Schrecken
löst sich
in Zutrauen auf.
39. Abi
steigt mit Mark in ein klappriges Fahrzeug. Sie
sitzen auf der Rückbank. Der Fahrer rast über die
Wellblechpiste. Zu beiden Seiten zerstörte, zum Teil noch
brennende Dörfer. Tote am Rand der Piste, über die
sich
Hinterbliebene beugen. Tote, die alleine verwesen. Von Pfeilen
Getötete. Mit Speeren Erstochene. Der Wagen nimmt Umwege und
verschwindet in Verstecken, um durchzukommen. Ein toter Junge auf der
Fahrbahn. Mark schließt die Augen.
Déjà-vu:
40.
Ein afrikanisches Kind liegt neben Johns Wagen auf
der Piste. Der Kopf in einer roten Lache. Afrikaner nehmen ihm das
Amulett ab. Eine Hand führt Mark aus dem Wagen. Hinter ihm
liegt
auf dem Sitz das Amulett. Er sieht, wie John losrast. Wie Lena
versucht, aus dem Wagen zu springen. Aber die Geschwindigkeit ist zu
groß.
41. "Du
denkst an meinen Bruder, wie er da lag", sagt Abi.
Mark holt das Amulett hervor. Sie öffnet es und entnimmt eine
große Gewehrkugel, wie sie in alten Vorderladern benutzt
wurden.
Sie zeigt Mark eine kreisförmige Anordnung von Steinen: "Das
Grab
meines Großvaters!" In der Mitte liegt ein flacher Stein mit
einem Loch darin, das von einem Kugeleinschlag stammt. Wie eine Murmel
rollt Abi die Kugel aus dem Amulett in das Loch. Sie paßt.
42. Sie
führt den verwirrten Mark in das Dorf. Runde
Lehmhütten, fast ausgestorben. Mark ist wie abwesend. Alles
hier
hat er schon einmal gesehen. An den kalten Feuerstellen sieht er die
Schatten der Frauen kochen. In den leeren Mörsern
stößeln Kinderschatten Mais.
Abi fordert Mark auf, seinen Vater dazu zu bewegen, das Dorf zu
verlassen. Sie bringt ihn zu einer Hütte. Der ältere
Weiße, der davor sitzt, wirkt verstört. Er zeigt
kaum eine
Regung. Mark spricht ihn an. Paul hebt den Kopf. Seine Augen weiten
sich zu einem irren Ausdruck. "Verlaß das Dorf noch vor der
Nacht!" ist das Einzige, was er sagt, in gebrochenem Deutsch, seltsam
abwesend. Mark geht in Pauls Hütte. Er schließt die
Augen:
43.
Um die Schlafmatte ist alles voller Knochen, Pfeilspitzen.
Schädel mit Einschüssen. Zerbrochene Bögen
und Pfeile.
44.
Mark packt die wenigen Habseligkeiten des Vaters
zusammen. Dann versucht er, Paul zum Gehen zu bewegen. Paul tut, als
höre er nicht. Mark versucht, ihn zu führen. Paul -
so
gebrechlich er aussieht - wert sich mit erstaunlicher Kraft. Abi ruft
den Fahrer zu Hilfe. Gemeinsam zerren sie den Widerspenstigen in den
Wagen, mit dem sie gekommen sind. Als sie losfahren wollen, hat der
Wagen einen Platten. Auch der Reservereifen ist kaputt. Sie
müssen
in Adibo übernachten. Der Fahrer beginnen, mit
Gummistücken
und der Hitze eines Petroleumfeuers in einer langwierigen Prozedur die
Reifen zu flicken.
45. Mark
breitet in Pauls Hütte Schlafmatten für
sich und seinen Vater aus. Er versucht zu schlafen. Paul liegt neben
ihm mit weit offenen Augen. Plötzlich erhebt er sich, fordert
Mark
auf, mitzukommen. Sie gehen durch die schwarze Nacht an ein Feld
außerhalb des Dorfes. Gehen ohne die Beine zu bewegen:
46.
Schattenhafte Bilder: Auf dem Feld sind archaische
Krieger mit Pfeilen, Bögen, Speeren versammelt. Ein
großes
Heer. Sie scheinen in Trance zu sein. Ihr Führer ist
unzweifelhaft
Moussa.
Was sind das für Leute, fragt Mark den Vater. Der wirkt auf
einmal
klar und gefaßt. Dagombas, sagt er. Ihr Führer ist
der Ya-Na
Andani
.Den Kriegern gegenüber haben sich weiße
Soldaten in den
Uniformen des deutschen Kaiserreiches aufgepflanzt. Nur um die hundert
Mann. In ihrer surrealen Ordentlichkeit und mit ihren mechanischen
Bewegungen wirken sie wie Puppen. In geschlossener Formation, die
Bajonette nach vorne gerichtet, gehen sie vor. Dann gibt der
Befehlshaber einen deutschen Befehl. Unbarmherzig eröffnen die
Truppen das Feuer. Zahlreiche Dagombas brechen zusammen.Ist das Traum
oder Wirklichkeit, fragt Mark entsetzt. "Wirklichkeit", sagt Paul.
"Vergangene allerdings. Hundert Jahre alt."Die deutschen Soldaten laden
mechanisch nach, legen wieder an und schießen. Ein weiterer
Teil
der Dagombas fällt. Inmitten des Staubs und Pulverqualms steht
Moussa unversehrt. Er lacht und hält einen flachen Stein vor
die
Brust. Eine Kugel bohrt ein Loch in den Stein. Er
läßt den
Stein fallen. Nur spärlich finden nun Pfeile der Dagombas
ihren
Weg zu den Deutschen. Sie prallen an den Pickelhelmen ab. Die Deutschen
rücken jetzt vor, erstechen die noch lebenden und am Boden
liegenden Dagombas mit ihren Bajonetten. Moussa versucht, den
spärlichen Rest seiner Truppe zu sammeln und einen
Gegenangriff zu
führen. Unter der nächsten Kugelsalve bricht der
Angriff
zusammen. Das Dagombaheer ist vernichtet.Auf dem Feld steht Moussa
alleine den Deutschen gegenüber. Er ist unbewaffnet. Dennoch
eröffnen die Weißen ein weiteres Mal das Feuer auf
ihn, ohne
ihn niederstrecken zu können. Wie eine Fliege fängt
er mit
der Hand eine Kugel aus der Luft, hält sie auf der Hand, nimmt
sie
in den Mund und spuckt sie den Deutschen entgegen. Hauptmann von Massow
bricht getroffen zusammen."Ein Zauber", sagt Paul.Sie ergreifen Moussa
und erschlagen ihn brutal mit dem Stein, der den Kugeleinschlag
aufweist. Dann marschieren die Truppen weiter.
"Hundert Jahre lang gab es keine Entschuldigung, kein Wort des
Bedauerns", erklärt Paul. Sie stehen vor Moussas Grab, der
kreisförmigen Anordnung von Steinen. In der Mitte liegt der
Stein,
mit dem Moussa erschlagen wurde. In dem Einschußloch befindet
sich die Kugel aus dem Amulett. Paul: "Ich wollte, daß du sie
siehst. Als ich sie das erste Mal sah, wußte ich,
daß sich
das niemals wiederholen darf. Und das ist der Grund, warum ich jetzt
Adibo nicht verlassen werde."
47. Am
nächsten Tag. Die Reifen sind geflickt. Der
Wagen steht abfahrtsbereit. Abi drängt Mark und Paul, endlich
zu
kommen. Aber nun will Mark seinen Vater, der wieder ähnlich
verstört ist wie am Vortag, nicht mehr zwingen. Da er auch
nicht
ohne seinen Vater abreisen will, fährt der Wagen ohne sie. Und
zu
Marks Überraschung bleibt Abi bei ihnen.
48. Paul
vegetiert vor seiner Hütte. "Ich bin nicht
zum ersten Mal hier", beginnt Mark, während er sich zu Paul
setzt.
"Wie kommt es, daß ich nicht mit dir hiergeblieben bin?" Paul
schmunzelt: "Du warst zu Hause, weil ich hier bin! Ich kam im Tausch
gegen dich."
49.
Mit großer Geduld zeigt Abi Mark, wie Wasser
geholt, Holz gespaltet, Maniok gestampft und Hirse geerntet wird. Und
immer ist Abi - wie zufällig - in seiner Nähe. Er
sieht ihr
heimlich beim Waschen im See zu. Und selbst, als er sie
schließlich beherzt zu küssen versucht, ist die
Abfuhr nicht
so scharf, wie es zu befürchten war. Ganz sachte entwickelt
sich
zwischen ihnen eine Zärtlichkeit, die den Gegensatz der
Kulturen,
die Gefahr des Augenblicks zu überwinden scheint.
Eines Abends zeigt Mark Abi die Fotografie von John und Lena. Abi
erkennt die beiden sofort wieder. "Den Mann müssen wir
finden!"
sagt sie.
50.
"Da sind sie wieder" ruft auf einmal Paul. Er hat sich
erhoben. "Wer?" "Die Grenadiere!" Mark hält es für
einen
Anflug von Wahnsinn. Dann aber geraten die zurückgebliebenen
Dorfbewohner in helle Aufregung. Alle schreien und rennen zum Ausgang
des Dorfes. Paul steht wie angewurzelt. Die Dächer der ersten
Hütten brennen. Schüsse hallen. Die Angreifer treiben
die
Dorfbewohner zurück ins Dorf. Mark greift den Arm seines
Vaters
und versucht ihn wegzuzerren. Er kann den kräftigen Paul
alleine
nicht bewegen. Verzweiflung erfaßt ihn. Er beginnt zu
schreien.
Niemand achtet auf ihn. Paul setzt sich wieder vor die Hütte,
wo
er die Tage immer saß. Mark setzt sich zu ihm.
51.
Die angreifenden Konkombas sind gut bewaffnet.
Blitzschnell erledigen sie alle Dagombas, derer sie habhaft werden.
Systematisch zünden sie die Strohdächer an,
drücken die
Lehmmauern der Hütten ein. Sie vernichten die Ernte in den
Speichern und die Yams-Sämlinge. Sie bewegen sich
präzise wie
Maschinen. Und sie sind dabei unbeteiligt wie Maschinen. Weder scheint
ihnen das Töten Grauen, noch Lust zu verursachen. Sie
führen
es durch wie eine Pflichterfüllung.
Schon trennt sie nur noch eine Hütte von Paul und Mark. Paul
sagt,
daß diese Weißen sehr dunkel bemalt sind. Da wird
Mark mit
einem Ruck von ihm getrennt und weggezerrt. Es ist Abi. Sie kennt einen
Hinterausgang. Gemeinsam rennen sie in das hohe Gras der Savanne.
Hinter ihnen geht Adibo in Flammen auf. Ein Konkomba hat sie gesehen,
nimmt die Verfolgung auf. Sie können ihm mit knapper Not
entkommen, denn die knochentrockene Savanne hat Feuer gefangen.
52.
Abi führt sie auf Schleichwegen. Sie laufen wie
von Sinnen. Überall neue Feuer, denen sie ausweichen
müssen.
Es scheint, als brennt die ganze Savanne. Die beiden laufen, bis sie
zitternd zusammenbrechen.Auf dem harten Boden lieben sie sich. Es
bricht aus ihnen. Ein Gemenge aus Umklammerung, Verzweiflung, Lust,
jenseits aller europäischen oder afrikanischen Konventionen.
53.
Yendi. In der Hütte, in der Mark Abi zum ersten
Mal traf, tritt Abi vor die versammelte Mannschaft. Es handelt sich um
Flüchtlinge aus Adibo. Sie zeigt ihnen die Gewehrkugel aus dem
Amulett und das Photo von John und Lena. Dazu sagt sie Dinge auf
Dagbane. Dabei zeigt sie immer wieder auf John. Sein Anblick
löst
unter den Anwesenden wilde Empörung aus.
Mark und Abi verlassen die Hütte. Man schickt ihnen zu allem
Überfluß auch noch zwei kleine Geschwister Abis
hinterher:
Einen Jungen, ein Mädchen. Mark starrt den Jungen an, der
einem
anderen Jungen aufs Haar gleicht. Er schließt die Augen.
54. Der
Junge liegt neben Johns Wagen auf der Piste. Der Kopf in einer roten
Lache.
55.
Von Tamale aus telephoniert Mark nach Hause. Er sagt
Lena, daß Paul bei ihm ist. Daß er nun bereit ist,
über die Tötung eines Jungen bei einem Verkehrsunfall
auszusagen. Vor deutschen Richtern. Daß er, Mark, ihr und
John
jedoch eine gütliche Einigung anbietet, sofern sie auf dem
schnellsten Wege nach Tamale kommen. Beide!
56. In
einem luxuriösen Bungalow klingelt das
Telephon. John geht dran, meldet sich mit seinem Namen. Im Hintergrund
seine Frau. John dämpft die Stimme. Seine Frau betrachtet ihn
mißtrauisch. "Ja, ich komme. Mittwoch in einer Woche bin ich
in
Tamale!" sagt John und legt auf. Seiner Frau gegenüber
behauptet
er, zu einer dringenden "Evaluation" in den Norden zu müssen.
57. Abi,
Mark und die Kinder in einer Absteige in Tamale.
Immer wieder versuchen Abi und Mark, sich einander zu nähern.
Immer wieder sind die Geschwister Abis im Weg.
58.
John und Lena rasen mit einem nagelneuen, geliehenen
Allradwagen über die Straße. Ein
Straßenschild zeigt
ihn 15 km vor Tamale. Plötzlich steigt er in die Eisen: Abis
Bruder steht auf der Fahrbahn. John springt aus dem Wagen und
läuft zu ihm. Er schüttelt ihn und starrt ihn
entsetzt an:
"Ich dachte, du wärst ...", entfährt es ihm. Der
Junge
lächelt ihn an und schüttelt den Kopf. Er reicht ihm
das
Amulett. John sieht auf. Hinter dem Jungen tauchen die Bewohner Adibos
auf. Sie verbeulen den Wagen. Dann steht Mark John gegenüber
und
schlägt ihm ins Gesicht.
59.
Der Fahrer fährt den klapprigen Wagen vor. Sie
tanken ihn aus Johns Reservekanistern voll. Dann zwängen sie
sich
alle hinein und fahren schwankend ab. John und Lena stehen allein auf
der Fahrbahn. Neben ihnen der schwer beschädigte neue Wagen.
Eine
Polizeipatrouille fährt vor. Die Männer untersuchen
den
Wagen. Unter der Vorderachse ziehen sie einen toten Jungen hervor. John
bietet ihnen Geld an. Das macht die Polizisten wütend. Sie
nehmen
John und Lena fest.
60.
In Johns Bungalow wird ein Brief eingeworfen. Johns
Frau öffnet ihn. Er enthält nichts als das Photo von
John und
Lena.
61.
Am Flughafen. Auf Marks Frage, ob sie mitkommen
möchte, verneint Abi. Dann will Mark bleiben. Sie
stoßen auf
Peter. Er hat seinen Job geschmissen und reist aus. Er fragt, ob sie
gemeinsam fliegen.Abi und Mark sehen sich an. Dann schütteln
sie
beide den Kopf und drehen auf dem Absatz um.
62. Abi
und Mark klettern über die ehemalige
Sklavenburg São Joan de Mina. Dann sitzen sie am Rande des
Regenwaldes. Sie suchen nach Worten für die Farben der
Vögel.
©
1998, Andreas Kirchgäßner