
„Marrukusch“,
den arabischen Chronisten bedeutete das Wort nur „Stadt“. Die Portugiesen schnappten es auf und machten daraus „Marocos“. Von dort kommt unser „Marokko“. Marrakesch ist die orientalische Stadt schlechthin. Mit einem Platz in der Mitte, auf den früher oder später jeder Besucher gerät. Der „Platz der Geköpften“, der seinen Namen von den Köpfen der Hingerichteten trägt, die hier früher zur Abschreckung aufpflanzt wurden. Und etwas Schrecken hat er behalten, der Djamaa el-Fna, auch wenn er heute der Platz der fliegenden Händler und Trickser ist, der Wahrsager und Märchenerzähler, der Trancemusiker, Schlangenbeschwörer, Feuerschlucker und mit Glöckchen behängten Wasserverkäufer, der Boxkämpfer, Zahnbrecher, Bettler und Tätowiererinnen. Den ganzen Tag und die halbe Nacht schäumt er, der Djamaa el-Fna. Nur beim Ruf des Muezzin verstummt er. Das ist der Tribut der Geister und kleinen Götter an Allah, den Einzigen. Kaum ist der Ruf des Muezzins verhallt, erheben sich schon wieder die Rasseln der Gnawa, die Schalmeien der Aissaoua, die Trommeln und Geigen der Berber, der Lärm all jener, die den Strenggläubigen verdächtig sind. Unausrottbar ist die Vielstimmigkeit, die der einen, monotheistischen Stimme ins Wort fällt.
Während ich Mikrophon und Rekorder auspacke, frage ich mich, was ist Wirklichkeit auf dem Platz der Schausteller. Wie erkenne ich eine touristische Szenerie am Ort allgemeiner Inszenierung? Alles scheint wie selbstverständlich da und ist zugleich immerfort inszeniert. Alles war schon lange da, wurde schon immer feilgeboten, untergejubelt. Ich habe Fotos gesehen, aufgenommen zu Beginn des französischen Protektorats. Auf ihnen sieht der Platz schon genauso aus. Auch wenn jetzt die Touristen da sind, ausschwärmen wie Spermien, in ihren Pellwurst-Shorts und mit phallischen Kameraobjektiven behängt. In einer fiebrigen Überreiztheit versuchen sie heimlich und gratis Bilder von den Gauklern zu schießen. Die ihrerseits jagen hinter der Bezahlung der Photos her. Und ich befinde mich mit meinem Mikrophon mittendrin, jage nach den Tönen und werde doppelt gejagt, weil die Schausteller ahnen, dass ich die Töne zu Geld machen will. Ein Tanz umeinander. Bild und Geld und Geld und Ton. Wir alle befinden uns im Strudel dieses Platzes.
Das wird ein Desaster, denke ich, während wir über den Platz eilen, ich mit meinem Mikrophon und Thomas mit seinem großen Beutel. Von all den Schaustellern auf dem Djamaa el-Fna, den Feilschern und Trödlern, den Bettlern, Coca-Cola-Flaschen-Anglern, Spaßmachern und Beutelschneidern, den Strolchen, Rotzjungen und zwielichtigen Frauen, den kleinen Ganoven und großen Überlebenskünstlern, sind die Aissaoua die Habgierigsten. Nur an ihnen vorbeizugehen, führt unweigerlich zu Preisdiskussionen. Jeder Betrag, den man ihnen in die Hand drückt, ist unzureichend. Immer gibt es Protest, immer wird man beschimpft und immer fühlt man sich schäbig wie ein Geizhals. Das ist normal, beschwichtigt Thomas. Schausteller leben davon. Ich hingegen denke, sie werden uns zur Ader lassen und dann zum Teufel jagen.
Die Gruppe, die wir schließlich unter einem altersschwachen Sonnenschirm antreffen, erscheint mir wie eine einzigartige Sammlung von Spitzbuben. Allesamt sind sie schnauzbärtig, tragen verwegen bunte Turbane und schmuddelig weiße Überwürfe. Inmitten von trägen Puffottern und sich reckenden Kobras sehen sie überhaupt nicht danach aus, als warteten sie auf Thomas’ Improvisationskunst. Stattdessen halten sie uns schon die Rahmentrommel unter die Nase, um Geld einzutreiben. Die Männer sind zudem müde und lassen außer ein paar Quietschern nichts von ihrer Musik hören.
Dicht gedrängt hocken wir unter dem Schirm. Die unbarmherzige Sonne zwingt uns hier zusammen. Unsere Füße gefährlich nah bei den Schlangen. Ich umklammere das Mikro. Aber der Rhaitaspieler bricht ab und springt auf. Er rennt quer über den Platz hinter einem Touristen her, der aus der dritten Reihe ein Foto geschossen hat und jetzt verschwinden will, ohne zu bezahlen. Ich entdecke einen Japaner, der die Ablenkung zu einer Videoaufnahme nutzt. Aber der kleine Junge aus unserer Gruppe hat ihn längst gestellt und treibt Geld ein. Ich suche weiter den Kreis der Zuschauer ab. Die meisten sind selbst Schausteller auf dem Platz und haben kein Geld. Sie sollen verschwinden, schreit Abbess Elisaoui, der freundliche Mann mit dem Aussehen eines Staubsaugervertreters. Thomas kann eigentlich aufhören zu spielen, denke ich und überlege, die Aufnahme abzubrechen. Hier geht es nicht um Improvisation. Hier geht es um nichts als Geld. Aber Thomas spielt. Selbstvergessen wiegt er sich im Rhythmus des Bendir und ich bin froh, dass Abbess die Rhaita weggelegt hat, um vorzuführen, wie er eine Kobra küsst und sich dabei in die Lippe beißen lässt. Er ist der unangefochtene Chef der Gruppe. Auf seiner Visitenkarte nennt er sich „Charmeur de serpents“. Aber die Zuschauer, die seine Tricks längst kennen, lachen. Wütend greift Abbess eine Brillenschlange vom Teppich und rennt damit auf die Schmarotzer los. Sie springen auseinander. Auch wenn sie jeden Tag hier sind: Vor den Schlangen haben sie größten Respekt.
Jetzt unterbricht auch Thomas sein Spiel. Ich springe auf und es rumpelt in der Aufnahme. Die Puffotter unter uns ist in der Hitze aktiv geworden. Wir starren sie an, können sie aber nicht bannen. Abbess wirft eine Rahmentrommel über sie, zieht sie damit zurück in den Schatten, ergreift sie dann hinterm Kopf und stopft sie in einen Wassereimer. Mit bloßen Händen drückt er sie unter Wasser, bis sie ruhig wird und träge. Er öffnet die Holzkiste, auf der ich eben noch gesessen habe. Ein Haufen weiterer Schlangen windet sich darin. Er greift hinein. Zuckt zurück. Eine Inszenierung, vermute ich.
„La!“, sagt er, nein, und zeigt den blutigen Biss. Sein Arm ist übersät von Schnitten wie nach vielen Selbstmordversuchen. Aus seinem Portemonnaie holt er eine Rasierklinge und schneidet auch diesen Biss auf, saugt das Gift aus und speit es auf den Platz. Dann fasst er erneut hinein in seinen Schlangenkasten, holt eine Kobra heraus. Mit der Trommel provoziert er sie solange, bis sie sich aufrichtet und mit dem langen Hals hin und her wiegt. Thomas setzt an, weiterzuspielen und ich schalte den Recorder wieder ein. Aber Abbess stoppt uns: An diesem Abend um sieben, so bestimmt er, sollen wir wiederkommen.
Diese Einladung
nehmen wir nicht besonders ernst. Wir wissen, dass am Abend das Treiben auf dem
Djamaa el Fna seinen Höhepunkt
erreicht. Dann, wenn die ersten Schatten etwas Kühlung versprechen und die
Mitte des Platzes im Rauch steht. Zahllose Garküchen eröffnen dort und locken
mit dem Duft von Gewürzen und Gebratenem. Für die Einheimischen gibt es
Fastensuppe und Innereien, für die Touristen Fisch und Pommes.
Wie beiläufig schlendern wir nach Sieben an
dem klapprigen Schirm vorbei. Doch kaum haben sie uns gesehen, gibt Abbes das
Zeichen. Die Schlangen werden in die Kiste verpackt. Der Teppich wird
eingerollt. Abbess verteilt das Geld
unter seine Mitarbeiter. Einer seiner Jungs bringt ihm sein Moped, auf das er
die Schlangenkiste und den Teppich schnallt. An der nächsten Straßenecke hält
er ein Taxi an und lässt uns einsteigen. Wir zögern. Auch der Taxifahrer kennt
die Adresse nicht, die Abbes ihm nennt. Wohin will er uns bringen? Ich
überlege, ob er das Abendgeschäft auf dem Djamaa el Fna sausen lässt, weil wir
das bessere Geschäft sind. Immerhin trage ich die ganze Reisekasse um den
Bauch.
Abbes treibt uns, einzusteigen. Er fährt auf
seinem Moped voraus. Es geht durch den mörderischen Abendverkehr von
Marrakesch. Ein atemberaubendes Wirrwarr von Lieferwagen, LKWs, qualmenden
Mopeds und Eselskarren. Bald haben wir die bekannte Gegend verlassen. Wir
holpern durch fremde Viertel, und je länger die Fahrt dauert, desto unwohler
wird mir.
Abbes überholt rechts, nimmt Abkürzungen,
rast ungebremst auf eine verstopfte Kreuzung zu. Ich lasse die Kiste auf seinem
Gepäckträger nicht aus den Augen. Wenn er in einen Unfall verwickelt würde,
oder auch nur ein Fahrzeug streifte und die Kiste sich löste und aufginge ...
und denke dann wieder daran, was sie mit uns vorhaben, falls wir heil ankommen.
Das Viertel, in das wir ihm folgen, besteht
aus sechsstöckigen, halbfertigen Neubauten, die bereits wieder verfallen.
Abbess hält das Taxi an, bezahlt den Fahrer und führt uns zwischen Baustellen
hindurch in den Kellerraum eines Hauses. Dort lädt er seine Kiste ab. Sein
kleiner Sohn und weitere Männer kommen zur Hilfe. Wir halten Abstand, aber
Abbess winkt uns heran. Bis unter die Decke sind hier Schlangenkisten
gestapelt. Er beginnt, Schlangen umzuschichten. Manche brauchen die Wärme der
Glühbirnen oben. Andere werden bereits zu aktiv und deshalb nach unten
verfrachtet. Wieder wird Abbess gebissen. Er reagiert routiniert. Unnötig, die
Wunde aufzuschneiden. Die Kobra hatte noch kurze Zähne. Die Aissaoua brechen
sie raus, entfernen den Schlangen auch die Giftbeutel. Beides wächst während
einer Woche nach. Dieser Beruf ist wirklich gefährlich, erklärt Abbess. Sein
Vater sei durch einen Schlangenbiss gestorben. Wir Aissaoua, sagt er, sind
verrückt mit unseren Schlangen. Mein kleiner Sohn will nicht fernsehen, nicht
am Computer sitzen, nicht mit Gameboys spielen. Immerzu will er nur zu den
Schlangen.
Ein Gespräch entspinnt sich. Mohamed
berichtet, wie er mit seinem Moped tief in die Westsahara fährt, um Schlangen
zu fangen. Gerne wüsste ich mehr über die Hintergründe des Schlangenkultes.
Soweit ich weiß, verwandeln die Aissaoua sich in die Tiere und erfahren dabei
“Barakat”, einen Zustand, der sie eins sein lässt mit Gott. Aber das sind
akademische Fragen. Für die Anwesenden gehört beides schon immer zusammen: Die
Schlange und der Aissaoui. Der Glaube und die Schaustellerei. Ritus und
Geschäft. Was gibt es da noch Worte zu verlieren?
Abbes bringt eine Sammlung Rhaitas seines
verstorbenen Großvaters. Sie sind sorgsam verpackt und Thomas bewundert ihre
Schönheit. Ohne Umstände schenkt Abbes ihm eine der alten Schalmeien. Thomas
lehnt ab, aber das lässt Abbes nicht gelten. Noch einmal horche ich auf, warte
darauf, dass ein Preis genannt wird, ein so horrender, dass er die Rhaita und
ihre Gastfreundschaft und ihre Geschenke doppelt und dreifach bezahlt. Aber
niemand macht irgendwelche Anstalten.
Der Morgen dämmert bereits, als wir
aufbrechen, Thomas mit der Rhaita, ich mit ein paar kleinen Aufnahmen. Wir
suchen ein Taxi für die Heimfahrt. Es gibt keins. Die Straßen sind menschenleer
und das Viertel sieht aus wie eine verlassene Großbaustelle. Wir sitzen fest.
Unsere Gastgeber fordern uns auf, mit ihnen zur Hochzeit zu kommen. Sie
stolpern bereits durch die Dunkelheit voraus. Magere Hunde streunen in den
Straßengräben. Sonst ist alles tot. Auch die Hochzeit. In dem großen Zelt im
Innenhof hocken nur noch wenige Gäste. Dass auch die anderen Gäste noch
anwesend sind, bemerken wir erst, als wir fast über sie stolpern. Überall
liegen die Schlafenden auf dem nackten Boden.
Der Bräutigam wird geweckt. Wir versichern,
dass wir alleine nach Hause kommen, obwohl wir keine Ahnung haben, wie das
gehen soll. Der junge Bräutigam, Abbes und Mohamed steigen mit uns in den
gemieteten Hochzeitswagen, ein schwerer Schlitten mit verdunkelten Scheiben.
Der Bräutigam chauffiert uns durch menschenleere Viertel, während Abbess uns
mit immer neuen Sipsis versorgt.
Dann sind wir am Djamaa el Fna. Endlich
überwinde ich mich und frage, ob ich ihnen Geld geben darf. Ich zücke einige
Scheine. La! Nein! Ein betretenes Schweigen. Ich schaue beschämt zu Boden.
Macht nix. Kennst dich eben nicht aus, sagen sie und lachen. Dann umarmen wir
uns und versprechen, einander wieder zu sehen. In sha’allâh!
Auf dem Djamaa el Fna empfangen uns die
letzten Bettelkinder, die anscheinend nie schlafen. Zehnjährige mit wildem
Haar. Ein letzter Saftverkäufer presst uns einen Orangensaft. Der Preis hat
sich durch die Nachtzulage verzehnfacht. Der Platz der Geköpften hat uns
wieder.